Bujinkan

Shinden Fudo Ryû

(Schule des unbewegten Herzens)

Dem Jiten Bugei Ryuha von 1963 zufolge existieren zwei Schulen, welche den Namen Shinden Fudo Ryû tragen: Shinden Fudo Ryû Kenpo und Shinden Fudo Ryû Ken. Das Daijiten Bugei Ryuha von 1978 nennt sogar drei verschiedene Schulen: Shinden Fudo Ryû Daken Taijutsu (Soke: Dr. Hatsumi Masaaki), Shinden Fudo Ryû Taijutsu (Soke: Sakagami Takehiro) und Shinden Fudo Ryû Kenpo (Soke: Kaminaga Shigemi).

Die Shinden Fudo Ryû entstand um 1100, das Shinden Fudo Ryû Taijutsu wurde im frühen 17. Jahrhundert gegründet. Die Wurzeln der Schulen lassen sich jedoch bis ins 8. Jahrhundert zurückverfolgen. Der Legende nach lebte in Houki no Kuni in der Präfektur Tottori am Berg Ohyama ein Oberpriester des Shinto Schreines Nawa Jinja mit Namen Shigemura Masahide. Er war berühmt für sein Wissen und seine Fähigkeiten in Literatur und Kriegskunst. Ihm wurde die Schriftrolle des Amatsu Tatara Hyoutei no Maki (Shinpi Hyohen no Maki) überreicht. Auf seiner Musha Shugyo – einer Art Wanderschaft, um die Kriegskünste zu erlernen und zu meistern – zog Shigemura Masahide kreuz und quer durch Japan. So kam er nach Utsunomiya in Shimotsuke in der Präfektur Tochi. Dort fand er Unterkunft im Haus eines Bauern. Dessen 18-jähriger Sohn Zenbei fiel Shigemura Masahide durch die Besonderheit seines Blickes und seiner Haltung auf. Er beschloss, den jungen Mann auf seiner Reise mitzunehmen und in den Kampfkünsten zu unterweisen. Zenbei erwies sich sodann als ein guter und talentierter Schüler. Als die beiden auf ihrem Weg nach Nezumidani, Asahigadake in Dewa (Toyama und Yamagata Provinz), kamen, trafen sie dort auf einen kleinen Jungen namens Kichibei. Er warf mit kleinen Steinen nach Vögeln und brachte sie damit im Flug zu Boden. Shigemura Masahide nahm auch ihn als Schüler auf. Schon drei Jahre danach hatten Zenbei und Kichibei Gokui – die Meisterschaftsklasse – erreicht.

Zenbei lebte später in Utsunomiya und änderte seinen Namen in Fukui Heimon. Er gründete eine eigene Schule, die er Shinto Munen Ryû Taijutsu/Kenjutsu/Sojutsu nannte. Kichibei änderte später ebenfalls seinen Namen in Asahina Goro Minamoto no Yoshihei und gründete eine Schule namens Shinden Fudo Ryû Taijutsu/Bojutsu/Kenjutsu/Sojutsu.

Die Spuren der Shinden Fudo Ryû Daken Taijutsu lassen sich bis hin zu Izumo Kanja Yoshitero zurückverfolgen, der auch das Koshi Jutsu einführte. Er war der Überlieferung nach auch der erste, der den Fluß des Koppo Jutsu verstanden hatte, ein System zur Abhärtung des Körpers und der Gliedmaßen. Die Tengu, geflügelte dämonenartige Wesen mit Vogelfüßen und Schnäbeln oder langen Nasen, sollen Izumo Kanja Yoshitero im Gebrauch des Yari unterwiesen haben.

Als offizielle Begründer der Shinden Fudo Ryû Daken Taijutsu in der Mitte des 12. Jahrhunderts wird Genpachiro Temeyoshi genannt, der von Izumo Kanja Yoshitero unterrichtet worden war. Weitere Soke der Anfangszeit der Ryû waren Minamoto Hachiman Tamenari und Minamoto Hachirō Tameyoshi. Der Name der Schule soll zuerst Ban Shinden Ryû gewesen sein. Er wurde später zunächst in Seishin/Shoji Fudo Ryû geändert, dann in Shinden Fudo Ryû.

Die Lehre der Shinden Fudo Ryû basiert auf dem Prinzip der Natur und orientiert sich am ursprünglichen Wesen des Menschen und seiner natürlichen Bewegungen. Dementsprechend gab es in der Shinden Fudo Ryû zunächst auch keine Dojos oder Trainingsgeräte. Trainiert wurde in der freien Natur: Man übte sich in den Bambuswäldern in Schlägen, Tritten und Bruchtechniken. Zur Stärkung der Muskeln sowie der Abhärtung der Gliedmaßen und auch der Stirn wurden Baumstämme oder Steine verwendet. Man nutzte verrottete Bäume, um das Packen, Greifen und Ziehen zu üben oder riß mit den bloßen Händen die Rinde von den Bäumen. So erhöhte man die Kraft zum Würgen, Reißen der Haut und Greifen der Muskeln des Gegners.

Gemäß ihrer Philosophie ist das Training in der Shinden Fudo Ryû fast ausschließlich an der natürlichen Haltung und den natürlichen Bewegungen des menschlichen Körpers ausgerichtet. Somit gibt es hier auch keine Kamae im eigentlichen Sinne, mit Außnahme der Shizen no Kamae ("natürliche Stellung"), welche als eine natürliche Defensivhaltung aufgefasst und so zu einem Erkennungszeichen der Ryû wurde, sowie Fudoza als sitzende Position.

Shinden Fudo Ryû verdeutlicht die Wichtigkeit der Natur und die Notwendigkeit, Dinge natürlich zu tun. Somit ist es im Training sehr wichtig, die Techniken mit natürlichen Bewegungen auszuführen und das Rollen und Fallen auch in einer natürlichen Umgebung auf unebenem Boden mit Rasen, Erde, Ästen und Steinen zu üben. So erlernt man auch die nötige Aufmerksamkeit für realistische Situationen. Auch wird trainiert, nach einem Wurf nach Möglichkeit immer auf den Füßen zu landen. Der Grund dafür liegt darin, dass man in alter Zeit stets das Daisho, das traditionelle Schwerterpaar der Samurai, bestehend aus Katana und Wakizachi, trug. Ein Sturz mit den Schwertern war immer gefährlich und kann sogar mit Holzschwertern tödlich enden.

Wie auch bei den anderen Schulen des Bujinkan werden die Techniken der Shinden Fudo Ryû ohne Kraft und körperliche Anstrengung ausgeführt. Sämtliche Schläge und Tritte werden aus einer natürlichen Position ohne „Vorankündigung“ ausgeführt. Die Effektivität der Techniken beruht alleine auf der richtigen Distanz und dem richtigen Zeitpunkt, um den Gegner überraschend aus einem verborgenen Winkel zu treffen. Dazu muss man wissen, dass die Shinden Fudo Ryû traditionell für Krieger mit Yoroi (Rüstung) entwickelt wurde. Durch das Gewicht dieser Rüstungen ist es für den Träger zwingend notwendig, alle Techniken mit der richtigen Einteilung von Kraft und Energie auszuführen. Zumal man es auf dem Schlachtfeld mit weit mehr als nur einem Gegner zu tun hatte. Die einzigartige Schlagtechnik der Shinden Fudô Ryû basiert deshalb auf natürlichen Bewegungen unter Einsatz des gesamten Körpers und nicht nur von Schulter und Arm.

Gleiches gilt für die Handhabung der traditionellen Waffen der Shinden Fudo Ryû, darunter verschiedene Typen des Yari (Speer), O-No (auch Nyubu-Ono, Streitaxt), Otsuchi (Kriegshammer), O-Dachi (Langschwert) und der Naginata (Schwertlanze). Aufgrund der Größe und des Gewichts dieser Waffen ist es nur schwer möglich diese mit reiner Muskelkraft zu bewegen. Nur wenn man alle Bewegungen mit dem gesamten Körper ausführt, kann man sie im Kampf richtig und effektiv einsetzen.

Eine Spezialität der Shinden Fudo Ryû ist Iainuki – das Schwertschnellziehen. Bevorzugtes Schwert ist hierbei das O-Dachi (Groß-Dachi), auch No-Dachi (Feld-Dachi) genannt, welches bei einer Gesamtlänge von bis zu 377 cm und einem Gewicht von bis zu 14,5 kg länger und schwerer als ein normales Katana ist. Der Vorteil dabei ist: Beherrscht man die Kunst, ein O-Dachi schnell zu ziehen, dann kann man normale Schwerter noch um ein Vielfaches schneller ziehen. Eine weitere Besonderheit, welche in der Shinden Fudo Ryû gelehrt wird ist Hōjō Jutsu – die Kunst des Fesselns.

Die fünf Regeln der Shinden Fudo Ryû

  • Wisse, dass Durchhaltevermögen nur eine Rauchwolke ist.
  • Wisse, dass der Weg des Menschen die Gerechtigkeit ist.
  • Vergiss das Herz der Leichtfertigkeit, der Wunschvorstellungen und der Missgunst.
  • Erkenne, dass Trauer und Unglück zur Natur gehören und strebe nach Erleuchtung und einem unerschütterlichen Herzen.
  • Verlassen in deinem Herzen niemals den Weg der Treue und der Vernunft sondern strebe nach dem Weg des Schwertes und der Weisheit.



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